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Romy Jäger
Kommunikations- wissenschaftlerin
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Fotos von Jakob Andriamaro
Vielleicht sind wir alle Egel

„Feminismus ist kein nettes Accessoire für die Image Auffrischung!“ Jedenfalls nicht für Wiener Spielwut. Die machen nämlich nicht nur Theater über feministische Themen und lassen Leute über die immer gleichen Geschlechterstereotype lachen. In Kooperation mit „HeForShe Vienna“ entwickelten sie das Stück „Höhlenbrüter“ und eröffnen in Podiumsdiskussionen einen Diskurs über die darin behandelten Themen, wie Girl on Girl Hate, Body Politics und Glass Ceiling. Außerdem machen sie eine ganz wichtige Sache richtig. Sie vergessen die Männer nicht. Allein der Name des Stücks „Höhlenbrüter“ lässt nichts von einem Frauen dominierten Thema durchblicken, was Feminismus leider immer noch ist. Ich glaube nicht, dass Männer sich per se davon abgestoßen fühlen, aber was ich sagen will ist, dass wahrscheinlich nicht so viele von ihnen gekommen wären, wenn auf dem Flyer in rosa „Wundermütter“ gestanden hätte.

In „Höhlenbrüter“ wird Feminismus kritisch betrachtet und lässt auch die männliche Sichtweise darüber zu Wort kommen. Das Stück macht wieder darauf aufmerksam, worum es eigentlich geht. Nicht darum, dass „Männer böse und Frauen bessere Männer sind“, sondern darum, dass wir in von der Gesellschaft vorgegebenen Rollen leben und uns davon befreien wollen.

Aber was hat ein Egel in einer Höhle damit zu tun, fragen Sie sich? Vielleicht mehr als Sie denken…

Ein Forscher und eine Forscherin begeben sich auf eine Expedition, um herauszufinden welches Geschlecht eine bisher unerforschte Egel Art hat. Zusammen mit ihrem Team steigen sie in eine tiefe Höhle. Als die Entdeckungsreise aufgrund vertauschten Equipments zu scheitern droht, zieht der Forscher auf eigene Faust los und lässt die Forscherin mit ihrem Team zurück. Doch in dieser Expedition zu scheitern, würde für diese mehr bedeuten, als keine erfolgreiche Karrierefrau zu sein. Es würde für sie bedeuten, dass sie grundlos keine führsorgliche Mitter für ihre zwei Kinder gewesen ist. Das kann sie nicht zulassen und deswegen zieht auch sie alleine los.

Dies ist der Auslöser für die verschiedenen feministischen Themen, über die in den sich teilenden Handlungssträngen „gebrütet“ wird. Es geht um die Gläserne Decke, Schwangerschaftsabbruch, Geschlechterstereotype, Sexuelle Belästigung, Gender Pay Gap und Girl on Girl Hate. Es wird versucht das Problem zu erklären. „Und wenn ich Ihnen sage, dass das Ungleichgewicht zwischen - wie viel der eigene Körper gesehen wird und wie viel die eigene Arbeit - über lange Jahre hinweg zu einer chronischen Krankheit führen kann, dann sehen Sie darin keine Wissenschaft.“ Aber was genau ist die Lösung? Während die Gespräche um feministische Themen kreisen, verlaufen sich alle in der Höhle und können weder den Egel noch den Weg nach draußen finden. Schließlich begegnen sich der Forscher und die Forscherin wieder und beschließen ihre Konflikte beiseite zu legen. Gemeinsam suchen sie den Egel und haben tatsächlich Erfolg! Der Egel ist ein Zwitterwurm, dargestellt von allen Schauspielenden, welche gemeinsam in einem weißen Schlauch über die Bühne kriechen.

Was vielleicht nur als Rahmenhandlung auf Zuschauende wirkt, kann auch als Methapher interpretiert werden. Stellen Sie sich vor, die Höhle, aus der wir versuchen wieder herauszufinden, ist das gesellschaftliche Konstrukt, in dem wir leben. Wir suchen darin nach dem Schuldigen für das Ungleichgewicht und die Geschlechterrollen. Unserem Egel. Oder vielleicht ist er auch die Lösung, nach der wir suchen? Da der Egel am Ende ein Zwitterwesen ist, könnte er beides sein. Die Ursache für das Problem und seine Lösung. Die sowohl männlich, als auch weiblich sind. Wir alle sind irgendwie Schuld, dass dieses Geschlechtersystem noch funktioniert und deswegen können wir es auch nur gemeinsam aus der Höhle schaffen. Vielleicht hat Wiener Spielwut es so gemeint? Vielleicht ging es ihnen auch wirklich nur darum, am Ende einen Egel finden. Ich finde jedenfalls, dass man in „Höhlenbrüter“ noch viel mehr finden kann.